Heldentagebuch: Die Bettler von Grangor

Kapitel 5: Showdown

Jetzt wird es wirklich spannend. Die Helden schreiten zur Tat. Na, ob das mal gutgehen wird??

15. Versoll 225

Einbruch

Schließlich setzte sich Tyll durch. Mitrias und Naima blieben im Haus von Hortemann, um ihn zu beschützen. Tyll, Adrian und Lari brachen um Mitternacht auf und erreichten eine halbe Stunde später das Haus Liegerfelds. Dort war alles ruhig und menschenleer. Sie versuchten das Eingangstor zu öffnen. Nebel stieg auf. Das war allerdings weniger den Wetterverhältnissen als Laris Hexenkünsten zu verdanken. Tyll gelang es, das Schloss mittels eines Drahtes zu öffnen. Offenbar verfügte er über Erfahrung in diesem Gebiet. Aber die Tür war mittels eines Riegels von der Innenseite zusätzlich gesichert. Hier konnte nur noch eine Brechstange helfen und das wäre eindeutig zu laut gewesen. Noch war der Nebel da, der Lari Sichtschutz bot. Sie vergrößerte ihren Besen und flog mit ihm über die Mauer. Von der Innenseite öffnete sie die Tür. Tyll schaute sie verdutzt an. Zur Erklärung erzählte sie, sie sei über die Mauer geklettert. Außerdem warf sie Tyll einen sehr eindringlichen Blick zu, der besagen sollte, dass er ihr besser glauben sollte. Tyll stellte keine weiteren Fragen.

Nun gingen Tyll und Lari gemeinsam ins Haus. Adrian blieb draußen. Er wollte sich an einem Einbruch nicht beteiligen. Statt dessen suchte er sich eine Stelle, von der aus er das Haus beobachten konnte ohne selbst gesehen zu werden. Der Nebel löste sich mittlerweile wieder auf.

Bei den weiteren Geschehnissen übernahm Tyll vollständig die Führung. Lari folgte ihm zwar und half, wenn er sie darum bat, aber sie überließ ihm die Initiative. Über eine kleine Treppe gelangten sie an die Eingangstür, die Tyll ohne große Schwierigkeiten öffnete. Lari fiel auf, dass die Architektur des Innenraumes sehr seltsam war. Große Bögen ruhten dort auf sehr kurzen Säulen. Sie vermutete, dass der Raum eigentlich viel größer sein müsste und sie sich auf einer Art Zwischendecke befänden. Doch es gab keinen Weg nach unten. Und daher erkundeten Tyll und Lari die zugänglichen Teile des Hauses.

Im Erdgeschoss war zur linken Hand eine Treppe nach oben zu finden, rechts war eine Vorratskammer untergebracht. Außerdem gab es dort einen Schlafraum und die Küche. Auf dem Weg nach oben fanden die Helden einen sehr großen Mann, der auf einem Treppenabsatz schlief. Mittels eines Fluches verwandelte Lari ihn in eine Eisfigur. Tyll nahm das wortlos hin und half ihr, über den Eismenschen hinweg zu steigen. Oben fanden sie Wohnräume und ein Schlafzimmer, in dem ein älterer Herr schlief. Sie vermuteten, dass es sich um Etze Liegerfeld hielt und ließen ihn in Ruhe. Außerdem gab es eine Veranda, von der eine Treppe wiederum zum Innenhof führte. Aber auch hier fanden die Helden nichts, was ihnen weiterhalf. Das Geschoss darüber war bereits der Dachboden. Dieser war vollgestellt mit allerlei Gerümpel und schien in letzter Zeit nicht betreten worden zu sein. Tyll und Lari gingen wieder nach unten.

Kriemhilde

Unter der Treppe war eine kleine Kammer mit Garderobenstücken und Putzsachen. Sie untersuchten diesen Raum gründlich und fanden schließlich etwas ungewöhnliches. Die hintere Wand gab etwas nach, wenn als sie dagegen drückten. Sie suchten nach einem Mechanismus für eine Geheimtür, doch sie blieben dabei erfolglos. Schließlich schloss Tyll die Tür und versuchte es mit dem Brecheisen. Das verursachte aber eine Menge Lärm, so dass Lari beschloss nachzusehen, ob sie entdeckt worden waren. Offenbar war dies der Fall. Lari sah mit einen großen Krieger mit roten Augen und mächtig viel Rüstung. Sie erstarrte vor Angst.

Tyll bemerkte geistesgegenwärtig, dass da etwas nicht stimmte. Vorsichtig spähte er an Lari vorbei in den Flur hinein. Dort sah er eine Frau, die gerade ihre Hände erhoben hatte und offenbar auf Lari mittels Magie einwirkte. Er erkannte sie als die Frau, die am Morgen zuvor die Helden an der Tür des Hauses so schroff abgewiesen hatten. Es musste sich also um Kriemhilde handeln.

Reaktionsschnell zog Tyll Lari durch die Tür zurück. Er griff nach einem Schürhaken, sprang aus seinem Versteck heraus und schlug auf die Frau ein. Doch Kriemhilde sandte ihm einen magischen Blitz entgegen, der ihn so schwer verwundete, dass er zusammenbrach. In der Zwischenzeit kam Lari wieder zu sich. Sie erkannte, in welch gefährlicher Situation sie sich befanden. Während Kriemhilde sich noch auf Tyll konzentrierte, leitete Lari von dieser unbemerkt ihren Atemnot-Fluch ein. Diese konnte sich nicht dagegen wehren und geriet in Panik. Lari wagte nicht, den Fluch vorzeitig abzubrechen und hielt ihn solange, wie sie konnte. Kriemhilde erlitt durch den Verlust der Atemluft einen schweren Schaden und brach schließlich zusammen. Rasch untersuchte Lari sie und stellte fest, dass Kriemhilde an den Auswirkungen den Fluches gestorben war.

Klärung

Da bemerkte Lari einen älteren Herrn, der verstört die Treppe hinabkam. Sie vermutete, dass es sich dabei um den Hausherrn Etze Liegerfeld handelte. Offenbar stand er unter Schock. Doch Lari hatte keine Zeit, sich um ihn zu kümmern und eilte stattdessen zu Tyll hinber, um ihn zu untersuchen. Er lebte noch, seine Verletzungen waren aber sehr schwer. Lari schickte ihren Papageie Papperlapapp zu Adrian, damit dieser zu ihr kommen sollte. Anschließend versorgte sie Tylls Wunden. Mit Hilfe einer Heilsalbe gelang es ihr diese zunächst zu schließen. Doch sie bemerkte, dass die Wunde noch immer zu tief war. Also griff sie nach ihrer Obsidianpfeife und stopfte sie rasch mit dem Tabak „Milde Hand“. Als sie diese entzündete, setzte sie sich ganz nah an Tyll heran, damit er möglichst schnell den heilenden Rauch aufnehmen konnte. Und dennoch: obwohl der Tabak offenbar seine Wirkung tat, blieb Tyll noch immer bewusstlos. Derweil fragte Etze Liegerfeld, was sie denn da täte. „Ich kümmere mich um die Verwundeten, das sehen sie doch. Bitte gehen Sie doch in die Küche und bereiten heißes Wasser vor, so dass ich einen heilenden Tee zubereiten kann.“

Papperlapapp war in der Zwischenzeit bei Adrian angekommen und rief: „Lari ist in Gefahr! Lari ist in Gefahr!“ Die Sorgen um seine Kameraden überwogen den Unwillen, das Haus unbefugt zu übertreten. Rasch ging Adrian zur Tür hinüber, um diese zu öffnen. Doch diese war wieder verschlossen. Die Mauer, die das Grundstück einfasste, war etwa drei Meter hoch und von kräftig aussehenden Pflanzen berankt. Kurz entschlossen kletterte er die Mauer hinauf, indem er an den Ranken Halt suchte. Doch ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn dabei und er stürzte zu Boden. Er schaute sich die Pflanzen genauer an. Er hatte nicht viel Ahnung von Pflanzen, vermutete aber, dass diese Kontaktgift enthielten. Seine Hände waren auch bereits rot angelaufen. Er riss daher sein Hemd in Streifen und umwickelte damit seine Hände. So geschützt gelang es ihm unbeschadet die Mauer hinauf und an der anderen Seite wieder hinunter zu klettern. Danach eilte er auf das Haus zu.

Als er schließlich im Haus angelangt war, fand er Lari in der Küche vor. Lari richtete gerade mit einem Kraut aus ihrem Kräuterbeutel einen Heiltee für Tyll her. Etze Liegerfeld war zwar tatsächlich in die Küche gegangen, doch war er viel zu verwirrt, um Laris Bitte nachzukommen. Rasch erzählte Lari Adrian, das Kriemhilde besiegt, aber Tyll schwer verletzt war. Er half ihr Tyll den Tee einzuflößen. Erleichtert stellten sie fest, dass Tyll wieder zu sich kam.

In der Zwischenzeit schien Liegerfeld zu begreifen, dass seine Schwester tot war. Lari versuchte beruhigend auf ihn einzuwirken, doch er war außer sich und beschuldigte die Helden des Mordes. Lari bat Adrian Wachleute zu holen, damit diese die Lage klären könnten. Adrian machte sich sofort auf dem Weg. Doch war es in der Stadt sehr dunkel und so dauerte es eine Weile, bis er auf Wachleute stieß.

Tyll brauchte zunächst einmal ein wenig, um sich von seiner Bewusstlosigkeit zu erholen. Lari und er besprachen, was zu tun sei. Sie überlegten gemeinsam, dass es vielleicht das Beste wäre, heraus zu finden, was im Keller des Hauses zu finden sei. Sie wandten sich daher an Liegerfeld.

„Ja, selbstverständlich hat es hier früher einen Keller gegeben. Aber er ist längst verschlossen, da ich ihn nicht mehr brauchte. Was geht Euch das denn überhaupt an? Warum habt ihr meiner Schwester das angetan?“
Lari antwortete: „Wir haben den Auftrag des Patriziers Hortemann, die Morde an den Altvorderen aufzuklären. Offenbar trägt Kriemhilde dafür die Verantwortung.“
Liegerfeld reagierte darauf um so wütender: „Wie könnt ihr es wagen, meiner armen Schwester so etwas unterstellen. Meine Schwester wäre niemals dazu in der Lage gewesen?“
Stirnrunzelnd betrachtete Lari ihn: „Eure Schwester beherrschte schamanische Magie. Das müsst ihr doch wissen.“
„Das weiß ich. Aber das macht sie doch nicht zu einer Mörderin!“
„Nein, das alleine wohl nicht. Sie wollte sich für den Tod ihres Sohnes vor 25 Jahren rächen. Ihr wusstet doch, dass Kriemhilde aus der Stadt gewiesen worden war und nicht mehr zurück kommen durfte. Und habt Euch mitschuldig gemacht, in dem Ihr Eurer Schwester hier Unterschlupf gabt.“
Liegerfeld schüttelte wütend mit dem Kopf: „Das ist alles schon sehr lange her und längst vergessen. Meine Schwester ist zurückgekommen um mir auf meine alten Tage hin zu helfen. Das ist alles!“
Lari brach die Unterhaltung ab. Es war einfach sinnlos.

Tyll brach die Holzwand in dem Treppenschrank auf. Dahinter verbarg sich eine Treppe, die in den Keller führte. Dort fanden Tyll und Lari verschiedene Räume, die offenbar von Kriemhilde für ihre schamanischen Rituale genutzt worden war. In einem der Räume war eine geheimnisvolle, mattschwarze Säule. Von dieser ging so viel bösartige Energie aus, dass Tyll und Lari nach oben stürzten. Doch nach ein paar Minuten besannen sie sich eines besseren und untersuchten den Keller noch einmal. Sie fanden auch einen Gang, der zwei zugemauerte Türöffnungen aufwiesen. Doch inzwischen waren sie zu erschöpft, um auch diese aufzustemmen. Also gingen sie nach oben und warteten auf Adrian.

Adrian brachte zwei Wachleute mit. Diese hörten sich die Geschichte der Helden an und waren regelrecht erschüttert. Lari riet ihnen dazu, sich mit dem Effert-Tempel in Verbindung zu setzen, damit ein Priester oder eine Priesterin das Böse in diesem Haus bekämpfen könne. Insbesondere die schwarze Säule mit der bösen Ausstrahlung im Keller müsste vermutlich zerstört werden. Die Wachen versprachen, dieser Bitte zu folgen. Sie erklärten, dass sie nun die Sache in die Hand nehmen würden. Daher baten sie die Helden höflich aber bestimmt, den Schauplatz zu verlassen. Bei Rückfragen würde man sich an sie wenden.

Die Helden begaben sich in das Haus Hortemanns. Inzwischen graute bereits der Morgen, die drei fühlten sich sehr erschöpft. Tyll ging auf direktem Weg ins Bett. Adrian und Lari berichteten Hortemann von ihren Erlebnissen. Dieser machte sich auf den Weg zum Stadthaus, um dort auf die weiteren Untersuchungen Einfluss nehmen zu können. Er bot den Helden an, diese könnten ihn begleiten. Doch keiner zeigte daran Interesse, stattdessen beschlossen die Helden ein wenig Schlaf nachzuholen.

Ehrung

Gegen Mittag fühlten sie sich wieder einigermaßen fit und stillten gemeinsam ihren Hunger. Da erreichte sie ein Bote vom Effert-Tempel. Die Hohepriesterin habe ihn gesandt, um die Helden in den Tempel einzuladen.

Im Tempel wurden sie von Alane in einem sehr vornehm und edel aussehendem Saal empfangen. Der Boden war aus feinstem Marmor. Die Wände waren mit wertvollen Gobelins, die religiöse Motive zeigten, geschmückt. In der Mitte des Saals führten ein paar Stufen hinauf zu einem prächtigen Springbrunnen. Aus einer Delphin-Skulptur ergoss sich das Wasser in ein Marmorbecken, dass ebenfalls mit Delphin-Motiven verziert war.

Alane dankte den Helden für die Aufklärung der Todesfälle und ihrem beherzten Eingreifen in Hause Liegerfeld. Die gesamte Effert-Gemeinde sei ihnen sehr zu Dank verpflichtet. Daher wolle sie jedem ein ganz besonderes Geschenk überreichen. Jeder der Helden erhielt ein silbernes, etwa 5 cm großes Amulett. Dieses war auf der Vorderseite mit einem Delphin-Motiv im Stile des Effert-Kultes verziert. Auf der Rückseite war eine Gravur mit dem Namen des jeweiligen Helden angebracht. Jedes dieser Amulette war zudem an der oberen Kante mit einer Öse versehen, durch die eine silberne Halskette hindurchgezogen war. Alane erklärte ihnen, dass nur Personen, die sich um die Effert-Gemeinschaft besonders verdient gemacht hätten, eine solches Delphin-Amulett erhielten. Träger dieses Amuletts würden daher von Effert-Anhängern besonders freundlich und achtungsvoll behandelt.

Unsere Helden bedankten sich artig für dieses ehrenvolle Geschenk. Die Helden verbrachten noch ein paar Stunden im Effert-Tempel. Alane wollte ganz genau wissen, was passiert war. Tyll und Lari schilderten es ihr, wenngleich auch nicht in allen Einzelheiten.

Alane war ganz beeindruckt von der beherzten Vorgehensweise der Helden. Erstaunt fragte sie: „Ihr habt Euch nur zu zweit in dieses Haus hineingetraut?“
„Uns blieb wohl nichts anderes übrig“, antwortete Lari. „Wir waren nur zu fünft und mussten uns daher aufteilen. Wir hatten schließlich auch den Auftrag, Herrn Hortemann zu beschützen. Naima und Mitrias blieben bei Hortemann zurück, um bei ihm zu wachen. Adrian selbst weigerte sich unbefugt das Haus Liegerfelds betreten. Doch er blieb vor dem Haus stehen, um uns notfalls helfen zu können. Ich muss gestehen, dass auch ich mich lange dagegen gesträubt hatte, in das Liegerfeldsche Haus einzubrechen. Doch schließlich überzeugte mich dann Tyll, dass die Sicherheit der Einwohner dieser Stadt wichtiger sei.“
„Ja, aber wie konnte es Euch denn schließlich gelingen, Kriemhilde zu besiegen. Sie war ja wohl eine sehr mächtige Schamanin. Die Wachen berichteten mir zudem, dass sie an dem Körper Kriemhildes kaum Anzeichen körperlicher Gewalt gefunden hätte. Lediglich ihre Gesichtszüge waren panikartig verzerrt und wiesen außerdem Merkmale auf, wie man sie bei Ersticken beobachten kann.“ Naima lächelte bei diesen Worten Lari wissend an. Adrian dagegen richtete seinen Blick verlegen zu Boden. Mitrias zog überrascht die Augenbrauen hoch und Tyll schaute Lari neugierig ins Gesicht.
Lari ließ sich nicht beirren. „Ich war selbst ganz erstaunt. Nachdem Kriemhilde mich mit einem bösen Zauber belegt hatte, der mich vor Angst erstarren ließ, konnte ich im weiteren nichts mehr tun. Wie Tyll mir später berichtete, schlug er mit Hilfe eines Schürhakens auf Kriemhilde ein. Doch diese wehrte sich mit einem magischen Blitzschlag, der ihn schwer verwundete und das Bewusstsein raubte. Als ich zu mir kam, schien mich Kriemhilde wiederum mit einem bösen Zauber belegen zu wollen. Doch plötzlich brach sie ab und schien panikartig um Luft zu ringen. Ich hörte davon, dass ein Zauber sich sehr wohl auch gegen den Anwender selbst richten kann, wenn er falsch ausgeführt wird. Vielleicht ist ja etwas derartiges passiert.“
Alane nickte nachdenklich: „Das ist möglich. Immerhin scheint Kriemhilde sich ihre Künste sozusagen im Selbststudium angeeignet zu haben. Da kann es sein, dass solche Fehler passieren.“ Naima hielt sich eine Hand vor den Mund, um offenbar einen Hustenanfall zu unterdrücken. Adrians Gesicht lief etwas rot an, während er umso intensiver den Marmorboden betrachtete. Mitrias und Tyll dagegen nickten verstehend.

Lari erkundigte sich, ob der Effert-Tempel denn einen Priester zum Liegerfeldschen Haus geschickt habe. „Selbstverständlich“, sagte Alane. „Ich selbst bin dorthin gegangen, um die bösen Kräfte zu bekämpfen. Die Säule, die dort im Keller aufgestellt war, hatte in der Tat eine sehr böse Aura. Offenbar hatte Kriemhilde durch diese ihre schamanische Energie bezogen. Es ist mir gelungen, diese Säule zu zerstören. Ich nehme an, dass diese Säule irgendwie in Verbindung zu Sittares stand. Wie ihr sicherlich wisst, hängen von diesem Mond auf Orota Ebbe und Flut. Die Morde an den Altvorderen fanden ja ausschließlich in Voll-Sittares Nächten statt, wenn die Flut am höchsten steht.“

Belohnung

Die Helden unterhielten sich noch eine Weile mit Alane. Erst gegen Abend brachen sie auf und gingen zu Hortemanns Haus zurück. Dort wurde der Sieg über das Böse mit einem festlichen Abendessen gefeiert. Dabei mussten die Helden der ganzen Familie erzählen, was geschehen war. Gespannt horchten die Familienmitglieder der Erzählung unserer Helden. Alle waren sehr beeindruckt und den Helden dankbar.

Der kleine Sohn Fekadir konnte seine Blick gar nicht von Tyll abwenden: „Du bist wirklich nur mit einer Brechstange auf die böse Kriemhilde losgegangen? Ich wette, sie ist doch nur wegen Deinem Schlag gestorben!“ Tyll lächelte ihn an: „Ach Feksje, ich musste mich doch schließlich verteidigen. Doch ich fürchte, viel habe ich damit nicht bewirkt. Immerhin konnte sie ja noch diese böse Magie anwenden, die mich bewusstlos gemacht hat.“ Aber der junge schüttelte bloß energisch mit dem Kopf: „Das gibt es aber, dass jemand einen Schlag auf den Kopf erhält und dann erst eine Minute später oder so zusammenbricht. Das habe ich schon gehört. Das ist bestimmt wie bei den Hühnern, wenn man sie schlachtet.“ Ella Hortemann lachte darüber: „Unser Feksje hat wie immer eine blühende Phantasie. Vermutlich ist es wirklich so, wie Frau Fari sagte und Kriemhilde schließlich an den Folgen ihrer eigenen bösen Magie gestorben ist. Das wäre auch nur gerecht!“ Doch Feksje ließ sich davon nicht beeindrucken: „Ich bin mir sicher, es war Tylls Schlag. So ein Schürhaken ist doch sehr schwer, dass überlebt niemand, wenn man ihn damit schlägt.“ Lari lächelte Fekadir freundlich an und sagte: „Da hast Du recht. Ich bin Tyll auch sehr dankbar dafür, was er für mich getan hat. Wer weiß, was die böse Frau sonst noch alles getan hätte!“ „Da hört ihr's“, sagte Fekadir daraufhin, „die kleine Frau denkt das auch. Tyll ist eben ein echter Held! Wenn ich groß bin, möchte ich auch so sein wie er!“ Dann wandte er sich noch mal an Lari: „Aber von Ihnen war das auch sehr mutig in das Haus hineinzugehen. Wo sie doch eine Frau sind und dazu noch so klein und so!“ Lari zwinkerte ihm zu: „Naja, aber ich wusste doch, dass Tyll mich beschützen würde. Da brauchte ich gar nicht so viel Angst zu haben.“ Tylls Brust schwoll an vor lauter Stolz und er tätschelte Lari beruhigend die Hand: „Das war doch selbstverständlich. Du kannst Dich immer auf mich verlassen.“ In diesem Augenblick schien Naima wiederum heftig von einem Hustenanfall geschüttelt zu werden. Tränen standen in ihren Augen. „Hast Du Dich erkältet?“, fragte Lari süffisant. „Nein, nein“, sagte Naima, offenbar heftig bemüht, ein Grinsen zu unterdrücken, „ich habe mich lediglich am Essen verschluckt.“ Fekdir schaute verwirrt von einer zu anderen. Fekdir schaute verwirrt von einer zu anderen, wurde dann aber von seiner Mutter unterbrochen.

„Mir ist jetzt erst richtig klar geworden, in welcher Gefahr wir alle waren. Relus hatte mir von der Nach am Schindervart gar nichts erzählt. Ich mag gar nicht daran denken, was dort alles hätte geschehen können.“ Relus nahm sie in den Arm: „Ich wollte Dich nicht zu-sätzlich beunruhigen. Du hättest doch ohnehin nichts tun können.“ Gerührt wischte sich Vanda eine Träne aus den Augen: „Und wie geht es jetzt weiter? Du hast doch wohl hoffentlich dem Rat klar gemacht, wie dankbar die ganze Stadt diesen Männern und Frauen hier sein muss.“ „Ja, natürlich“, bekräftigte Hortemann und wandte sich den Helden zu. „Der Rat ist sehr beeindruckt von eurer Geschichte. Im Namen des Rates soll ich mich für die Unannehm-lichkeiten entschuldigen, die Euch bereitet worden sind. Ihr müsst verstehen, dass die Angst hier in der Stadt sehr groß war. Da hattet ihr es als Fremde besonders schwer.“

„Ja, das ist wohl so“, antwortete Adrian. „Aber jetzt wo alles vorbei ist, ist der Rat bestimmt auch Ihnen sehr dankbar. Immerhin haben wir in Ihrem Auftrag gehandelt.“ Horte-mann nickte: „Das stimmt. Ich habe heute auch schon die ein oder andere Andeutung gehört, dass man mich vielleicht für die Wahl des Städtemeisters vorschlagen wolle. Doch das sind alles noch Gerüchte.“ Da mischte sich Viko der älteste Sohn in das Gespräch ein: „Aber zu-nächst sollten sich der Rat doch wohl bei unseren Gästen hier bedanken! Hast Du nicht vorhin etwas über ein Schreiben des Rates gesagt.“

„Das stimmt.“ Hortemann holte seine Tasche und entnahm dieser fünf Urkunden, die er den Helden feierlich überreichte. „Mit diesem Geschenk möchte sich der Rat bei Euch bedanken. Es sind Urkunden, die auf Euren Namen ausgestellt sind und bezeugen, dass ihr euch um die Stadt Grangor verdient gemacht habt. Außerdem hatte ich euch ja eine Belohnung versprochen“, sagte Hortemann stolz und überreichte jedem zusätzlich einen schweren Geldbeutel. „Jeder von Euch erhält von der Familie Hortemann 100 Goldstücke.“ Tyll und Mitrias griffen begeistert danach und bedankten sich überschwänglich. Adrian dagegen wog den Beutel kurz in der Hand und meinte ruhig, dass er es gut für sein erstes Kind gebrauchen könnte. Auch Naima und Lari nahmen das Geld an und bedankten sich höflich. Dabei tauschten sie allerdings einen kurzen Blick aus. >>Typisch Händlerseele, dachte Lari. Da kann man alles mit Geld begleichen.<<

Naima war es, die schließlich Hortemann wegen einer Rückreisemöglichkeit ansprach: „Ich denke, wir alle wollen möglichst schnell zurück nach Luinmeach. Wüsstet ihr ein Schiff, mit dem wir fahren könnten?“ „Selbstverständlich“, antwortete dieser. „Die Nereide von Kapitän Ramash liegt noch im Hafen. Wenn ihr wollt, könnt ihr schon morgen abreisen. Aber ihr seit herzlich dazu eingeladen, noch eine Weile hier zu bleiben.“ „Das ist zwar recht großzügig von euch“, sagte Adrian, „aber wir möchten doch so schnell wie möglich zurück. Meine Frau erwartet ein Kind und in der Situation will ich lieber bei ihr sein.“ Da mischte sich Vanda ein: „Der junge Mann hat recht. Seine Frau wird ihn sicherlich brauchen.“ Hortemann nickte verständnisvoll. Da wandte sich Mitrias an Adrian: „Wäre es euch recht, wenn ich euch nach Luinmeach begleite? In Grangor fühle ich mich nicht recht wohl. Ich müsste dann nur noch meinen Bogen von der Stadtwache abholen.“ Adrian schaute Lari und Naima an, die zustimmend nickten. „Sicher, kannst Du mitkommen. Wenn ich mich recht entsinne, hat Tyll auch noch irgendwelche Waffen bei der Stadtwache abgegeben. Ihr könntet also gemeinsam dorthin gehen. Am besten fahren wir dann morgen am späten Vormittag. Herr Hortemann, würden sie Kapitän Ramash Bescheid sagen?“ Hortemann versprach es.

16. Versoll 225

Rückfahrt nach Luinmeach

Adrian wandte sich am nächsten Morgen noch einmal an Hortemann. Er hatte ja Belara ver-sprochen ein paar schöne Stoffe für sie mitzubringen. Währenddessen nahm Tyll noch einmal ein ausgiebiges Bad. Lari und Naima gingen zusammen mit Mitrias zum Obersten der Garde, um darum zu bitten, mit denWorgszum Hafen zu fahren, um die Stadt verlassen zu können. Der bedankte sich auch noch mal bei ihnen und versprach, dass er den Wachen Bescheid sa-gen würde, so dass keine Unannehmlichkeiten auf Naima und Lari zukommen würden.

Danach packten sie alle ihre Sachen, verabschiedeten sich endgültig von der Familie. Kapitän Ramash holte sie mit einem Boot ab und gemeinsam fuhren sie zum Hafen. Dort erhielten Mitrias und Tyll ihre Waffen zurück. Dann betraten die Helden endlich die Nereide und waren sehr erleichtert, als diese zurück nach Luinmeach fuhr.

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