Sven hatte es sehr eilig am Morgen aus der Stadt raus zu kommen. Er war der Meinung in der letzten Nacht genug getan zu haben. (Ein Punkt, in dem Per ihm nur zustimmen konnte.)
Daher redete Sven eindringlich auf seine Kollegen ein, wie wichtig ein rascher Aufbruch wäre, um die gefangenen Priesterinnen zu befreien. In der Tat brachen die Helden daraufhin sehr überstürzt auf, in der Eile vergaß Mitrias sogar Coran Bescheid zu geben, der sie doch eigentlich nach Nulp hatte begleiten sollen. Hythorus war natürlich bedeutend weniger vergesslich und holte sich das Zauberspruchbuch von Burne wieder zurück.
Zunächst ritten die Helden zum Zollhaus. Dort hatte man in ihrer Abwesenheit gründlich aufgeräumt. Der Drache war verschwunden, ebenso die Reste der Leichen. Hythorus wandte sich der Steinstatue Xaout zu, las eine Rolle "Stein zu Fleisch" vor und Xaout wurde wieder menschlich. Natürlich gab er sich angemessen verwirrt darüber, was geschehen war. "Aber warum bist du denn in den Nebel wieder hineingegangen?" fragte Lari. "Du wusstest doch, dass der magisch und böse war." "Ich weiß es nicht", antwortete Xaout. "Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass Per mit mir gesprochen hat. Aber worüber, kann ich auch nicht mehr sagen." Alle blickten Per an. Der errötete leicht, versuchte sich einen unschuldigen Gesichtsausdruck zu verleihen und faselte irgendetwas davon, dass er mit Xaout nur über den gefährlichen Nebel gesprochen habe. Dabei log er allerdings ganz offensichtlich. Lari schaute ihn misstrauisch an. Ihr kam das alles sehr verdächtig vor. Per dagegen wandte seinen Blick ab und sagte: "Äh, Leute, es wird langsam spät. Sollten wir nicht mal schauen, ob da unten in den Anlagen noch irgendetwas ist?" Er wirkte sehr nervös. Doch da er ja eigentlich recht hatte, gingen die Helden noch einmal runter in den Keller des Zollhauses, um sich die unterirdischen Anlagen dort anzuschauen. Dort hatte man wohl die Spuren des Dämonenkultes vernichten wollen und dabei ganze Arbeit geleistet: Wände, Decken und im Keller waren mit einer dicken Rußschicht überzogen. Auch Octavius war nicht mehr zu finden. Einzig der Steinquader und der Raum mit dem Obelisken war erhalten geblieben.
Lari fiel auf, dass es inzwischen auch Saminga etwas besser ging. Er war zwar immer noch nicht ansprechbar, aber wenigstens splitterte sein Holz nicht mehr.
Den Helden blieb nichts anderes übrig, als wieder aufzubrechen. Nun wollten sie endgültig nach Nulp. Auf dem Weg fiel Sven auf, dass die Bäume immer schlechter aussahen. Sie waren schwarz und wirkten wie Skelette auf ihn. Das Wetter war trübe und regnerisch. Als Sven darüber murrte, schaute Lari ihn verwundert an: "Ich weiß gar nicht was du hast? Das Wetter ist doch o.k." Per blickte auf und fragte mit misstrauischem Unterton: "Meist du Lari?" Lari nickte begeistert: "Aber sicher doch!" Per sah sie skeptisch an: "Bist du dir sicher, dass es dir gut geht?" "Klar geht es mir gut." Da mischte sich auch noch Hythorus ein: "Warum sollte es Lari nicht gut gehen? Das Wetter ist doch schön!"
Schweigend ritten die Helden nebeneinander her in Richtung Nulp. Die Gruppenharmonie war, sollte sie je bestanden haben, dahin. Hythorus war eifersüchtig, weil er keine Priesterin abbekommen hatte. Per war sauer, weil er wegen Sven nicht hatte schlafen können. Sven war völlig übernächtigt und griesgrämig, weil ihm die Priesterinnen zu sehr zugesetzt hatten. Lari war misstrauisch wegen Pers Reaktion. Und Per war misstrauisch wegen der dämonengesegneten Lari und des eben solchen Hythorus. Einzig Mitrias schien mit der Welt im Reinen zu sein. Ihm hatte offensichtlich die letzte Nacht sehr gut gefallen. So war jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und bemerkten erst kurz vor Nulp, dass ihnen etwas wesentliches abhanden gekommen war: Xaout. Offenbar hatte der sich schon beim Zollhaus von ihnen abgesetzt.
Der Weg nach Nulp wurde zunehmend matschiger und schlammiger. Es wurde kälter und Nebel behinderte die Sicht der Helden. Die Tiere wurden unruhig und ängstlich. Schließlich weigerten sich die Pferde weiter zu laufen. Also stiegen die Helden ab und gingen zu Fuß weiter. Auch Volvo blieb zurück. Sven bemerkte etwas besonders eigenartiges an sich: Er spürte keine Magie mehr. Noch nicht einmal die, die von seinem eigenen Schwert ausging. Dies war das erste Mal in seinem Leben und er fand das sehr unheimlich. Mitrias kontrollierte noch einmal seine Waffen. Da fiel ihm auf, dass der Dolch, den er einem der Worfianer abgenommen hatte, rot leuchtete. Als Lari das sah, war sie fasziniert: "Oh, Mitrias! Der ist so schön. Kann ich den haben? Ich gebe dir auch meinen Dolch dafür." Doch Mitrias schüttelte den Kopf. "Ach, bitte, Mitrias. Ich gebe dir auch noch zwanzig Goldstücke dazu." Doch Mitrias blieb standhaft: "Nein, besser nicht. Normalerweise schon, aber in letzter Zeit... Naja, seit dieser Segnung und so.." Da mischte sich Hythorus mit ein: "Ich gebe dir 100 Goldstücke dafür." Da war Mitrias nun wirklich erschrocken. Ein Magier, der einen Dolch haben wollte? Er schüttelte den Kopf und verstaute den Dolch an einer Scheide hoch oben an seinem Hals. Viel zu hoch, als das Lari ihn hätte erreichen können. Sehnsüchtig blickte sie zu Mitrias auf. Per sprach sie wieder an: "Lari, geht es dir gut?" Sie antwortete erstaunt: "Natürlich geht es mir gut. Warum sollte es mir nicht gut gehen?" "Ich frage doch nur", antwortete Per. "Du wirkst so seltsam!" Da legte Hythorus beschützend seine Hand auf Laris Schulter und fauchte Per wütend an: "Lari geht es sehr gut. Mit ihr ist alles bestens in Ordnung." "Aber natürlich", sagte Per behutsam. "Ich wollte ja nur sicher gehen." Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er selbst ganz und gar nicht beruhigt war.
Die Helden gingen weiter in den Nebel hinein. Er wurde immer dichter. Sie konnten gerade mal fünf oder sechs Meter weit sehen. Direkt unheimlich. Da hörten sie mit einem Male Schritte. Schlurfende, schwere Schritte. Lari bekam es mit der Angst zu tun und erzeugte einen Sturmwind. Irgendwie musste man doch diesen Nebel vertreiben können! Und siehe da: Es wirkte. Der Nebel hob sich und die Helden sahen eine hohe, schwarze Steinmauer. Doch davor standen vier schwer bewaffnete Ritter. Sie trugen schwere Rüstungen, große Schwerter und Schilde mit sich. Diese Schilde waren mit einem großen Auge verziert. Und noch etwas fiel Hythorus und Lari gleich auf: Sie alle hatten eine dunkelviolette Aura. Doch da sie ja selbst auch so etwas hatte, ging sie freundlich lächelnd auf einen der Männer zu und rief "Hallo!" Doch der lächelte nicht, hob zur Antwort nur bedrohlich sein Schwert und sah Lari mit leuchtend roten Augen an. Das wirkte. Lari lächelte weiter, ging aber ganz langsam wieder zurück.
Per schlug vor, um die Ritter einen großen Bogen zu machen und dann irgendwie zu der Mauer wieder hin zu gehen. Das taten die Helden dann auch. Doch sie kamen nicht weit. Denn sie hörten wieder Schritte. Rhythmische, näherkommende Schritte. Begleitet vom Geräusch knarzender Rüstungen und klirrender Schwerter. Dieses Mal zauberte Hythorus einen Stillezauber um die Helden, die sich anschließend an den Händen fassten und los rannten. Das hätte ja alles gar niedlich ausgesehen, wenn es nicht so nebelig gewesen wäre. Außerdem fiel es Per schwer, sich überhaupt dazu zu überwinden, Laris Hand anzufassen. Ihm schien es, als wolle ihm jemand seine geistige Ausdauer abziehen.
Die Helden rannten weiter und kamen so an ein Steinhaus, was aus dem Nebel herausragte. Hythorus blickte mal wieder per Zauberspruch durch die Wand, sah aber nichts, weil es dahinter dunkel war. Da half alles nichts. Sven öffnete die Tür. Als erstes sah er dahinter einen Flur und als zweites zwei menschliche Leichen, die darin lagen. Die schweren Kettenrüstungen, die sie trugen, waren von riesenhaften Klauen aufgerissen worden. Die Leichen waren höchstens einen Tag alt, aber sollte Nulp nicht eine Geisterstadt sein, wo schon seit langer Zeit niemand mehr lebte?
Vom Flur gingen vier Türen ab, zwei links, zwei rechts. Sven öffnete die erste Tür auf der rechten Seite. Dahinter war eine großer Aufenthaltsraum. Die Tische, Stühle und Regale waren zwar alle kaputt und der Raum total zerwühlt, doch auch das konnte alles noch nicht sehr lange her sein. Hinter der ersten Tür auf der linken Seite entdeckte Per vier tote Worfianer. Sie lagen aufgestapelt auf einem Haufen, so als habe man sie mit Absicht so dahin drapiert. Der oberste wies neben der tödlichen Wunde noch allerlei Verletzungen auf, als habe ein riesiges Tier ihn angefressen. Diesem Raum fehlte zudem eine Wand, die vor kurzem eingerissen worden war. Die Helden suchten nach Spuren, aber das war nicht weiter schwer. Die Wand war ganz offenbar von außen von einem riesigen, echsenartigen Wesen eingedrückt worden. Da waren eindeutig Prankenabdrücke und tiefe Kratzer zu erkennen. Die Helden fühlten sich bestätigt: Das konnte nur ein Drache gewesen sein! Und zwar ein bedeutend größerer, als der Jungdrache aus dem Zollhaus.
Als nächstes ging Per zu der zweiten Tür auf der linken Seite. Diese war wesentlich schwerer zu öffnen, weil jemand diese zu verrammeln versucht hatte. Doch das hatte offenbar nichts genützt, denn auch hier fehlte ein großes Stück der Wand. Offenbar handelte es sich um das Schlafzimmer und in dem Bett befand sich eine große Blutlache. Die zweite Tür auf der rechten Seite öffnete Sven. Dahinter verbarg sich eine vollfunktionsfähige, aber offensichtlich ungenutzte Küche. Die Schränke waren vollkommen leer. Wovon also hatten sich die Bewohner dieses Hauses ernährt?
Die Helden beschlossen weiter zu ziehen. Inzwischen schien Per nicht mehr ganz so schlecht auf Sven zu sprechen zu sein und machte wieder seine Witze. Wer denn all die Witwen denn trösten solle, wenn Sven umkommen sollte, fragte er. Doch dieses Mal reagierte Sven sauer.
Schließlich erreichten die Helden die Mauer. Sie war sehr, sehr hoch. Allein die Steine der unteren Reihe waren mindestens 3 x 3 Meter groß und darüber waren noch zwei weitere Reihen. Lari setzte sich auf ihren Besen und flog über die Mauer. Gut, das Hythe nicht versucht hatte, durch die Mauer hindurch zu sehen, denn sie war mindestens drei Meter dick. Doch was Lari dahinter sah, übertraf all ihre Erwartungen, denn hinter der Mauer schien die Sonne über einem blühenden Garten. Dieser Garten war riesig. Sie konnte ihn nicht einmal das Ende sehen. In einer Entfernung von etwa 100 Metern sah Lari das Tor, durch das man hineingelangen konnte. Sie wollte sich den Garten etwas genauer anzusehen und flog hinein. Es war wirklich schön da. Die Wiese war sattgrün und vereinzelt standen Bäume dort. Doch da waren auch Steinstatuen von Menschen, Zwergen, Halblingen und anderen Rassen. Diese Statuen sahen erschreckend echt aus. Und es waren so viele! Wer konnte denn nur so viele Leute versteinert haben? Sie flog weiter. In etwa 500 m Entfernung sah sie eine weitere, kleinere Mauer. Rechts davon sah sie einen Turm, der auf einem großen Steinplateau stand. Dieser Turm war aus tiefschwarzem Stein gebaut worden, in der sich die Sonne spiegelte. Die kleine Mauer umgab ein quadratisches Feld, in dem wiederum ein Gebäude ohne Dach stand. Es war etwa 15 x 20 m breit und 60 x 70 m lang. Lari flog näher heran. Als sie die Mauer überflog, hörte sie ein mehrstimmiges Gebell.
Erschrocken schaute sie dort hin und sah ein Beet mit kleinen, bellenden Löwenmäulchen. Lari flog weiter. Innerhalb der zweiten Mauer war die Wiese total vertrocknet. Außerdem war es merklich kühler als draußen. Um war das Gebäude herum war alles ruhig und still. Nichts rührte sich. Das Gebäude selbst war in viele Gänge unterteilt, in denen Lari Dämonenkleriker in schwarzen Kutten umhergehen sah. Sie alle hatten eine tiefviolette Aura. Lari hatte genug gesehen und flog ein Stück zurück. Da sah sie in der westlichen Ecke des großen Gartens etwas grau-blau schimmern. Vorsichtig flog sie näher. Dort lag ein riesiges, schlafendes Wesen, von einer merkwürdigen Konsistenz. Es war irgendwie durchscheinend. Mit etwas Abstand flog Lari um das Wesen herum. Es war ein Drache. Ein großer, transparenter Drache.
Lari flog zurück und berichtete den anderen, was sie gesehen hatte. Per sah sie ungläubig an: "Aber das kann nicht sein. Das wäre viel zu groß. Hier kann kein solch riesiger Garten sein." Doch Lari beharrte darauf, was sie gesehen hatte. "Das ist Magie. Wie könnte es anders sein? Hier ist es nebelig und kalt, darin sonnig und warm. Kommt doch mit hinüber, dann werdet ihr es sehen." "Mit hinüber kommen?" fragte Mitrias entsetzt. "Du meinst doch wohl nicht, dass ich mit auf deinem Besen fliegen soll?" "Aber doch. Das ist die beste Möglichkeit!" antwortete Lari. Doch Mitrias schaute sie nur verängstigt an: "Nicht mit mir! Niemals kriegst du mich dazu!" Per fragte, ob es noch einen anderen Weg gäbe. Lari beschrieb ihm wo sie das Tor gesehen hatte. Aber sie sagte auch, dass sie das für keine gute Idee hielt, da hier im Nebel zu viele grausige Gestalten ihr Unwesen trieben. Doch Mitrias blieb stur und wollte unbedingt zum Tor. Missmutig willigte Lari ein: "Ja, gut", sagte sie. "Aber ich bleibe in der Mitte der Gruppe. Wenn ich schon da durch soll, will ich wenigstens euren Schutz." Die anderen versprachen ihr das und dann gingen sie zusammen weiter.
Kurze Zeit später blieb Sven plötzlich stehen. "Macht euch bereit", zischte er. "Ich höre Schritte. Da zieht jemand sein Schwert." Er selbst zog ebenfalls sein Schwert, Per seinen Säbel und Degen und Mitrias seinen Dolch. Lari und Hythorus blieben dahinter. Was sollten sie auch tun ohne Waffen? Die Schritte kamen näher. Sven erhob seine Waffe - und erstarrte. Ebenso Per und Mitrias. Als letztes dann auch Hythorus. Lari traute sich nicht an den anderen vorbei zu sehen. Statt dessen machte sie ihren Wirbelwind. Das musste den Gegner doch zumindest eine gewisse Zeit aufhalten. Doch sie hörte wie jemand Schritt für Schritt näher kam... Glücklicherweise kam Sven wieder zu sich. Er sah einen halbdurchsichtigen Mann mit beeindruckend guter Rüstung, Schild und Langschwert näher kommen. Auch die anderen lösten sich nach und nach aus ihrer Erstarrung. Hythorus wirkte einen Blendzauber auf den Mann. Doch das schien keine Wirkung zu haben. Es kam zum Kampf. Per schlug zunächst mit seinem Degen und dann mit seinem Säbel zu. Er traf zwar den Gegner, doch die Waffen machten keinen Schaden, sondern glitten durch ihn hindurch. Statt den Gegner zu verletzten, veränderten sich die Waffen selbst. Die Klingen wurden durchsichtig. Als Mitrias das sah, verlor er vor Schreck seine Waffe. Sven versuchte den Gegner nun allein aufzuhalten. Und es gelang ihm auch so lange, bis Mitrias seine Waffe wieder aufgehoben hatte. Dann flohen die Helden.
Per stellte entsetzt fest, dass seine Waffen völlig unbrauchbar geworden waren. Sie schnitten nicht mehr, sondern glitten durch seine Hände hindurch.
Sven sprach Lari an: "Gilt dein Angebot noch, dass du uns rüber fliegst?" "Selbstverständlich", antwortete diese. "Kein Problem." Doch Mitrias schüttelte nur total verängstigt den Kopf: "Da mache ich nicht!" Per nahm in zur Seite, sah ihm tief in die Augen und sprach auf ihn ein. "Nein, nein und nochmals nein!" schrie Mitrias. "Das mache ich nicht." Lari sprach beruhigend auf ihn ein: "Das ist doch gar nicht schlimm. Die Mauer ist doch gar nicht so hoch. Da kann nix passieren." Doch Mitrias blieb stur. Als letztes kümmerte sich Sven ein wenig um Mitrias und betete kurz zu Sibontia. Mit einem Male war Mitrias Angst verschwunden und er wollte nun unbedingt als erster hinüber fliegen. Nach und nach brachte Lari ihre Kollegen nach drüben. Wo Pers Hypnose und Laris Heilkunde Psyche versagt hatten, hatte nur noch Göttermagie helfen können. Ist auch stets die einfachste Lösung. Vor allem, wenn dadurch jemand ein Stündchen Gottvertrauen bekommt.
Sven war besonders neugierig wegen der Statuen und ging auf die nächstbeste zu. Dabei vermiet er es aber sorgfältig in einen Bereich mit Bodendeckern zu treten. Laris Erzählung über die Löwenmäulchen hatte er noch zu gut in Erinnerung. Auch Mitrias ging zu der Statue, aber er machte sich wegen der Pflanzen keine Sorgen. Das Wunder "Gottvertrauen" wirkt nämlich etwa eine Stunde lang. Doch dann griffen auch schon die Ranken der Pflanzen nach ihm.
Außerordentlich geschickt gelang es ihm, sich selbst von diesen Pflanzen zu befreien. So kamen Sven und Mitrias schließlich gemeinsam an der Statue an. Es handelte sich um einen Worfianer. Die Statue war dermaßen detailgetreu und lebensecht, dass nur eine Schlussfolgerung möglich war: Es handelte sich um eine Versteinerung eines echten Worfianers.
Sven erzählte seinen Kollegen davon und meinte, sie sollten eine der Spruchrollen "Stein zu Fleisch" nutzen, um eine der Statuen wieder zum Leben zu erwecken. Damit könnten sie gleich zwei Sachen erreichen. Erstens könnte derjenige ihnen erzählen, was mit ihm passiert war. Zweitens könnte dieser den Helden helfen, die Bösen zu bekämpfen. Dazu müssten sie sich am besten einen intelligent aussehenden Krieger aussuchen. Die Helden fanden, das sei eine gute Idee.
Per schaute sich nach einem intelligenten Krieger um. Seiner Ansicht nach konnte diese Beschreibung nur auf einen Lemuryer weisen. Er hatte Glück. Unter einem der Bäume stand ein steinerner Lemuryer. Per ging auf ihn zu. Ihm fiel auf, dass von den Bäumen ein süßlicher Geruch ausging. Ein Geruch! Er war überrascht. Denn normalerweise belästigte ihn seine Nase nicht mit irgendwelchen Informationen. Der Geruch ging offenbar von den großen, violettfarbenen Früchten des Baumes aus. Aber Per ließ sich nicht ablenken und betrachtete die Statue. Ein Lemuryer mit einem Schwert. Genau das Richtige. Er rief die Kollegen herbei: "Ich habe einen intelligentaussehenden Krieger gefunden!" Die anderen kamen näher und nickten zustimmend. Lari übergab Hythorus eine Rolle und der las sie vor. Die Rolle zerfiel zu Staub und die Steinstatue wandelte sich in einen Lemuryer. Bis auf Per dachten natürlich alle, es sei ein Mensch, denn Lemuryer sehen Menschen sehr, sehr ähnlich. Außerdem war die Rasse allen Nicht-Lemuryern gänzlich unbekannt.
Der so zum Leben erweckte schüttelte einmal überrascht den Kopf, sah Hythorus und stöhnte: "Nicht noch ein Magier!"
Hythorus sah ihn konsterniert an. "Das kann ja heiter werden", schien sei Blick zu sagen. Doch der andere kümmerte sich nicht weiter darum. Zielstrebig ging er auf Per zu. Die beiden starrten sich an. (In Wirklichkeit verständigten sich die beiden telepathisch. Nach einer kurzen Begrüßung übermittelte Per an den Fremden: "Hab keine Angst. Die sind in Ordnung. Wir werden das Böse bekämpfen.") Den anderen kam dieses Verhalten sehr merkwürdig vor. Lari sprach Per an: "Kennt ihr euch?" Der schüttelte den Kopf: "Nein, aber wir kommen aus der gleichen Gegend." "Ah ja", sagte Lari. Die Erklärung fand sie wenig überzeugend. Wenn sie einen Landsmann sah, sprach sie ihn an statt nur zu starren. Allerdings waren Menschen ja manchmal auch etwa eigenartig. Lari beschloss, die Sache zu beobachten. Sie wendete sich an den Fremden, stellte sich vor und fragte ihn nach seinem Namen. Sie erfuhr, dass er Throll hieße. Lari sagte ihm, welchen Tag sie heute hätten und fragte, wann er denn versteinert worden sei. Er nannte das Jahr 206. Seither waren zwanzig Jahre vergangen.
"Was ist denn damals mit dir passiert?" fragte Sven. Throll antwortete: "Nun, ich war mit sieben Leuten unterwegs von Homlett nach Nulp. Doch wir wurden angegriffen. Gerade wollte ich eingreifen, als ich einen warmen Atem in meinem Nacken spürte." Lari fragte weiter: "Wo genau wart ihr denn, als das passierte?" Throll antwortete: "Wir wollten nach Ceratrica. Doch schon auf dem Weg nach Actria starben zwei von uns. Als wir weiter reisten nach Homlett begegnete uns ein Basilisk und tötete den nächsten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Homlett wollten wir weiter. Unterwegs begegneten uns dann diese Schattensoldaten." Lari unterbrach ihn: "Was sind denn Schattensoldaten?" Throll: "Na, so komische Soldaten, durch die man durchgucken kann. Gegen die hatten wir keine Chance." Lari nickte: "So eine Begegnung hatten wir vorhin auch. War sehr unangenehm. Die Waffen meines Kollegen hier sind auch davon betroffen." Sie deutete auf Per und seine transparenten Waffen. Anschließend stellte sie kurz ihre Kollegen vor und erklärte die Lage. Throll reagierte ungläubig, als er hörte dass es Winter sei. Doch Per beteuerte, dass Lari die Wahrheit sprach. Sie seien in einem hoch magischen Garten, in der das Wetter anders aussah. Aber außerhalb der Mauern sei Winter. Throll nickte. Offenbar glaubte er Per.
Sven erzählte Throll, dass die Heldengruppe nun gegen den Tempel des elementaren Bösen zöge und ein wenig Unterstützung gut gebrauchen könnte. Ob Throll mitmachen wollte, fragte er. Throll warf Per wieder einen Blick zu. Der nickte. Throll wandte sich wieder Sven zu und erklärte: "Ja, warum denn auch nicht."
Mit Throll hatten sie jetzt zwar einen weiteren Verbündeten, doch so richtig glücklich waren die Helden nicht darüber. Vor allem Hythorus gefiel das Benehmen des Fremden nicht. Der schien nämlich nur Per zu respektieren und behandelte die anderen reichlich arrogant. Kein nettes Verhalten für jemanden, den sie gerade aus seiner Erstarrung befreit hatten!
Sie gingen weiter. Vorbei an bellenden Löwenmäulchen, bissigem Löwenzahn, brennenden Brennnesseln, ringenden Ringelblumen und ein paar Bäumen. Je näher sie der inneren Mauer kamen, desto mehr Statuen fanden sie. Sven fiel eine versteinerte Frau in einer Kutte auf. Sie hielt die Hände mit den Handflächen außen nach vorne gestreckt und den Mund zum Schrei geöffnet. Um den Hals trug sie ein Medaillon, das sie als Klerikerin eines Feuergottes auswies. Er fragte die anderen, ob sie diese Frau nicht auch wieder zurück verwandeln sollten. Immerhin wäre eine Feuerklerikerin auf ihrer Seite doch recht praktisch. Lari murrte. Sie hätten jetzt nur noch drei Rollen. Eigentlich habe sie diese mitgenommen, für den Fall, dass sie selbst versteinert würden. Sie sollten ihrer Ansicht nach nicht so verschwenderisch damit umgehen. Doch niemand beachtete ihre Einwände und Hythorus wandte eine Spruchrolle auf die Frau an.
Die Frau wurde wieder lebendig, beendete ihren Schrei und taumelte. Hythorus fing sie auf. Dann beruhigte er sie. Die Gefahr sei vorüber. Sie sei versteinert gewesen, aber er hätte sie zurückverwandelt. Lari fragte die Dame, warum sie versteinert gewesen sei. Die Helden erfuhren, dass ihr Name Seraphia sei, sie aus Ti komme und Anhängerin von Xaros, einem Erd- und Feuergott sei. Sie sei mit anderen auf dem Weg nach Nulp gewesen, als sie einem Basilisk und seinem Blick begegnet sei. Dieser Blick habe sie wohl versteinert. Basilisken seien echsenartige Tiere mit sechs Beinen. Außerdem seien sie recht groß und lang. Lari stellte sich und die anderen vor. Seraphia nickte einem nach dem anderen zu. Als sie Mitrias sah, schaute sie ihn einmal von oben nach unten an und wandte sich dann in verächtlichen Ton an Lari: "Ein Dunkelalb! Warum habt ihr denn so etwas dabei?" Lari war ein peinlich berührt. Was waren das nur für Leute, auf die man hier traf? Erst dieser überhebliche Throll und jetzt diese intolerante Seraphia. Lari erklärte ihr, dass sie eine geschlossene Gruppe wären und Mitrias genauso viel zählen würde, wie die andern auch.
Per interessierte derweil etwas ganz anderes und fragte Seraphia, ob sie etwas mit der Fruchtbarkeitsgöttin von Ti zu tun habe. Oh, nein, ganz und gar nicht, war die Antwort. Vielmehr herrsche seit Jahrhunderten ein tiefer Zwist zwischen den Klerikern dieser so unterschiedlichen Gottheiten. Die anderen Helden wurden nachdenklich. War wohl besser, der Frau nichts von den entführten Priesterinnen von Ti zu erzählen. Immerhin gehörte die Befreiung dieser ja mit zum Plan.
Die Helden erklärten Seraphia die jetzige Situation. So von wegen böser Dämonenkult, schlechtes Wetter draußen, gutes Wetter hier drinnen, böser Tempel da hinten. Ob Seraphia nicht Lust hätte sie bei dem Kampf gegen das Böse zu unterstützen. Seraphia meinte, sie sei ohnehin auf dem Weg dorthin gewesen. Auch wenn das jetzt drei Jahre her war, wie Lari nach einem kurzen Datumsvergleich feststellte.
Sie gingen weiter. Gegen Abend beschlossen sie, sich einen Lagerplatz zu suchen. Seraphia schlug vor, sich unter einen der Bäume mit den süßen Früchten zu legen, weil die Schattenkrieger dort nicht hinkämen. Das war ja mal ein wirklich nützlicher Rat, fanden die Helden und folgten ihm sogleich. Sie einigten sich für die Nacht auf die Wachen - von denen dieses Mal Lari verschont blieb - und legten sich hin. Bis auf Hythorus und Seraphia, denn diese waren für die erste Wache zuständig.
Eine halbe Stunde später horchten die beiden auf. Sie hörten Schritte. Hythorus war äußerst konzentriert. Drei Personen konnte er zählen. Und dabei war auch noch so ein merkwürdiges Scheppern. Geistesgegenwärtig weckte er Mitrias, weil der ja bekanntlich auch bei Dämmerlicht bestens sehen konnte. Als Hythe sich nach Seraphia wieder umsah, war diese verschwunden. Doch darum konnte er sich nicht kümmern. Denn die Schritte kamen näher. Da sahen sie sie auch schon im schwachen Mondlicht: Drei gut gerüstete Wachleute kamen daher, würden aber voraussichtlich am Lager vorbei gehen. Da endlich sah Mitrias auch Seraphia wieder. Sie hockte hinter einem Strauch, an dem die fremden Wachleute bald vorbei gehen mussten und schien eine magische Handlung vorzubereiten. Mitrias machte Hythe darauf aufmerksam. Der war entsetzt. Per magischer Botschaft übermittelte er ihr: "Lass es!" Doch die schüttelte nur verärgert den Kopf und begann mit ihrem Ritual von neuem. Inzwischen waren die Wachen jedoch schon vorüber gegangen. Seraphia ließ die Hände sinken und kehrte zum Lager zurück.
Hythorus sah sie wütend an und zischte: "Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Du hättest uns alle verraten können." "Ach was!" fauchte Seraphia. "Ich hätten dem ersten schön flambiert und mit den anderen beiden wären wir doch gut fertig geworden." Hythe schüttelte erbost den Kopf: "Selbst wenn. Dann hätten die Dämonenanhänger doch gemerkt, dass die Wachen nicht zurückkommen und man hätte nach ihnen gesucht!" Doch Seraphia antwortete nur: "Man kann sich aber auch anstellen!" Dann suchte sie sich einen neuen Platz und hielt noch ein wenig Wache.
Nach einer Weile weckten sie Per und Throll, die sie mit der Wache ablösten. Endlich hatten die beiden Lemuryer ein bisschen Zeit zum Quatschen. Die nutzten sie unter anderem dazu, ordentlich über die anderen Rassen abzulästern. Arrogantes Volk! Doch auch sie wurden zwischenzeitlich unterbrochen. Von einer Natter, die Per mit Hilfe eines Stocks erschlug. Throll fragte: "War dieses Gemetzel jetzt nötig?" Per nickte nur.
Die letzte Wache hatten Mitrias und Sven übernommen. Auch sie wurden gestört. Sie hörten Geräusche näher kommen. Mitrias sah genau hin: Fünf zerlumpte Gestalten kamen schlurfend und grunzend auf sie zu. Bekleidet waren sie mit Fellen und bewaffnet mit Keulen. Es waren Orks. Sogleich weckte Mitrias die anderen. Natürlich griffen die Kämpfer sofort zu ihren Waffen. Mitrias zückte den Dämonenkultdolch und bemerkte dabei etwas seltsames: Die Waffe fühlte sich unheimlich leicht an und zog Mitrias förmlich zu den Orks hin. Doch schon waren die Orks nahe genug. Die Krieger griffen mit ihren Waffen an. Seraphia wirkte Magie. Lari und Hythorus folgten aufmerksam dem Geschehen.
Eines war auffällig: Mitrias' Dolch leuchtete während des Kampfes grün auf. Die Waffe des Gegners dagegen wurde schwarz. Mit jeder Wunde, die Mitrias seinem Gegner zufügte, wurde dieser zunehmend langsamer. Schließlich zuckte er, übergab sich zum Bedauern von Mitrias und brach tot zusammen (letzteres bedauerte Mitrias schon weniger).
Einer weiterer Ork ging in Flammen auf, als Seraphia einen Zauber auf ihn wirkte. Die anderen lieferten sich mit Per, Sven und Throll einen erbitterten Kampf. Natürlich siegten am Ende die Helden.
Natürlich waren unsere Helden dabei auch verwundet worden. Doch Lari versorgte Svens Wunden und Mitrias heilte mit Dunkelalbenmagie. So war bald alles wieder in Ordnung und die Gruppe konnte sich noch ein paar Stunden Schlaf gönnen.
Als Mitrias sich am nächsten Morgen die Leiche des von ihm getöteten Orks untersuchte, sah sie so schwarz und porös wie ein Stück Holzkohle aus.
Die Helden gingen weiter in Richtung innerer Mauer. Die Helden fanden einen Weg. Sven warf ein, dass es sehr gefährlich sei, den Weg zu benutzen. Immerhin konnten sie so entdeckt werden. Doch Lari erwiderte, dass sie ansonsten weiter durch das Gras und die Büsche müssten. Dabei würden sie auch eine ziemliche Schneise ziehen und auffallen.
Schließlich gingen sie auf dem Weg entlang. Ihnen fiel auf, dass hier wieder bedeutend weniger Statuen standen. Außerdem wurde es merklich kühler.
Nach etwa zwei Stunden erreichten sie Tor der inneren Mauer. Es war offen und Mitrias späte in den Innenbereich hinein. "Ich sehe die Wachleute. Merkwürdige Typen. Die haben alle rote Augen und so merkwürdige strubbelige Haare." Amüsiert betrachteten die Helden Mitrias eigenwillige Frisur. Doch der lies sich nicht beirren. "Und verdammt gut gerüstet sehen die aus. Sind mindestens vierzehn Stück. Zwei davon haben so komische Hörner auf dem Kopf." Die anderen sahen vorsichtig aus einem Versteck hinter Büschen ebenfalls durch das Tor hindurch und fanden bestätigt, was Mitrias gesagt hatte. Außerdem beschlich allen Helden ein sehr ungutes Gefühl beim Anblick der Wächter. Ein äußerst ungutes Gefühl. Lari und Hythe bemerkten zudem die typische violettfarbene Aura der Kultisten an ihnen.
Per ging vorsichtig um die Mauer herum. Diese war schon recht alt und ungepflegt. Es gab zahlreiche Stellen, an denen man hochklettern konnte. Doch da bemerkte er einen Dämonenkleriker, der auf ihn zu kam. Gerade noch rechtzeitig verkroch Per sich hinter einem Gebüsch und beobachtete den Kleriker. Der trug einen langen Stab mit sich, der am oberen Ende einen eingearbeiteten Edelstein trug. Dann blieb er stehen, hob den Stab hoch und starrte konzentriert den Boden. Per hörte ein Grollen und Poltern. Die Erde erschütterte leicht und schließlich öffnete sich ein Loch im Boden. Hinter dem Kleriker kamen drei kleine Männchen hervor, die einen großen Sack mit sich zogen. Diesen legten sie in das Loch. Der Kleriker hob wieder seinen Stab und das Loch schloss sich. Anschließend ging er zurück. Per folgte ihm und sah, dass der Kleriker auf einen Wachturm zuging, der einen Teil der Mauer bildete. Durch eine Tür verschwand der Kleriker ins Innere.
Ob diese Tür wohl die erhoffte unauffällige Möglichkeit bot, in den Innenbereich hineinzukommen? Per sah sich den Turm genauer an. Doch er wurde enttäuscht, oben im Turm waren auch Wachleute. Per holte die anderen zu sich und erzählte, was er beobachtet hatte. Sie hielten es für eine gute Idee, nachzugucken, was dort vergraben worden war. Hythorus fragte daher, ob jemand einen Spaten oder ähnliches dabei habe. Doch die anderen schüttelten einer nach dem anderen den Kopf. Lari sprach Seraphia an: "Du kennst dich doch aus mit Erdmagie. Kannst du da was machen?" Seraphia nickte und wollte auch schon mit dem Zauber beginnen, doch Hythorus unterbrach sie: "Hältst du das für eine so gute Idee? Zaubern kostet doch immer eine Menge Energie. Vielleicht solltest du dich besser schonen, damit du später noch etwas machen kannst." Doch Lari wandte ein, dass sie ohne Werkzeug ziemlich schlecht daständen. Aber Hythorus könnte ruhig auch ihren Dolch haben, wenn er damit graben wollte. Hythorus lehnte das Angebot ab und Seraphia zauberte die Erde zur Seite.
Dabei wurde ein langer, dreckigbrauner Kartoffelsack freigelegt. Mitrias kletterte vorsichtig in das Loch hinein und öffnete den Sack. Er fand eine Leiche. Hythorus ging einen Schritt zur Seite, so dass er nicht mehr in das Loch hineinsehen konnte. Es handelte sich um die Leiche eines Mannes mit graubraunem, lockigem Haar, der eine Kauerstellung eingenommen hatte. Der Tod musste schon vor geraumer Zeit eingetreten sein, denn die Leiche wirkte schon ein wenig mumifiziert. Bis auf Lederarmband war sie völlig unbekleidet. Mitrias nahm ihr das Armband ab, stieg aus der Grube und buddelte sie wieder zu.
Als Lari ihn bat, ihr das Armband zu zeigen, weigerte er sich mit den Worten: "Nein, dir gebe ich das nicht. Ich weiß zwar auch nicht, was die Runen bedeuten, aber das ist egal. Hauptsache du kriegst das nicht. Seitdem du so diesen Dämonensegen hast, traue ich dir nicht mehr." Das ärgerte Lari natürlich. Darum wendete sie einen Besenfluch an, so dass Mitrias seine Ressentiments ihr Gegenüber mit einem Male völlig vergaß. Sie bat ihn um das Armband und den Kultisten-Dolch und er gab ihr beides. Lari steckte den Dolch ein und reichte das Armband an Hythorus herüber. Der reagierte überrascht: "Das prickelt so merkwürdig. War das bei dir auch, Lari?" Lari schüttelte den Kopf: "Nein, davon habe ich nichts bemerkt." Vorsichtig nahm sie das Armband wieder in die Hand, aber spürte kein Kribbeln. Dann reichte sie es an Hythorus zurück.
Er untersuchte es gründlich. Darauf waren Schriftzeichen, doch er konnte sie nicht lesen. Offenbar handelte es sich um ein Artefakt, das irgendetwas freizusetzen vermochte. Doch was, wusste Hythorus nicht zu sagen. Aber es war wohl nichts Schwarzmagisches. Warum aber hatte es bei Hythorus so gekribbelt?
In der Zwischenzeit ließ der Besenfluch nach und Mitrias begriff, was er getan hatte. An Lari gewandt sagte er: "Gib mir den Dolch wieder!" "Warum?" fragte diese ganz erstaunt tuend. "Du hast ihn mir doch gerade erst gegeben." "Aber das war nur zum angucken", antwortete Mitrias. Seelenruhig gab Lari den Dolch erst mal an Hythorus weiter. Der schaute sich den Dolch ganz genau an und sagte: "Der ist eindeutig entrupieentziehend", sagte er fachmännisch. "Bitte was?" fragte Lari. "Entrupieentziehend. Das heißt er entzieht Leben. Sehr, sehr schwarzmagisch!" Lari erschauderte. Na, mit schwarzmagischen Dolchen wollte sie eigentlich nichts zu tun haben. Sie hatte mal - vor langer, langer Zeit - damit sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Schweigend nahm sie Dolch und Armband wieder an sich und reichte beides an Mitrias herüber.
Doch damit war das Problem, wie sie einigermaßen in den Bereich innerhalb der Mauern kommen sollten, nicht gelöst. Hythorus schlug vor, die Tür mithilfe von Magie zu öffnen. Wenn das nicht magisch versiegelt wäre, müsste das gehen, meinte er. Nun gut. Lari hängte sich eines der Kultisten Medaillons uns den Hals und Hythe verillusionierte sich in einen Dämonenkleriker. Dann gingen sie auf das Tor zu und hofften, dass sie jeder wegen der violettfarbenen Aura als dazugehörig ansah. Hythorus versuchte es also mit seinem Magischen-Dietrich-Spruch, aber das gelang ihm nicht. Die Tür ist wohl doch magisch versiegelt meinte er.
Lari blickte sich kurz nach den anderen um. Die waren gut getarnt im Gebüsch verschwunden. Also nahm sie all ihren Mut zusammen und rief den Turm hoch: "Hallo!" Da erschien einer der Wachen am Fenster. "Was gibt`s?" fragte der. Lari antwortete: "Wir sind Gesegnete und möchten gerne zum Tempel." "Da seid ihr hier falsch", rief der Wachmann zurück. "Gesegnete müssen durch das große Tor da hinten!"
Lari und Hythe gingen zurück und trafen sich mit den anderen außerhalb der Sichtweite des Tors. "Was sollen wir nun tun?" fragte sie die anderen. "Hythorus und ich werden schon reinkommen. Aber was ist mit euch?" "Du könntest uns als Gefangene mit reinnehmen", schlug Seraphia vor. "Als Gefangene?" Lari blickte skeptisch zu Seraphia hoch. "Hältst du das für realistisch? Wer glaubt mir denn, dass ich jemand so großen hätte gefangen nehmen können?" Doch Seraphia wehrte Laris Bedenken ab. "Ich habe mal gesehen, wie so eine kleine Prinzessin einen großen Wookiee als Gefangenen ausgegeben hat." "Ein Wookiee?" fragte Lari verwirrt. "Was ist denn das?" Seraphia stutzte: "Du kennst keine Wookiees? Das sind so große humanoide Wesen mit viel Fell!" "Leben die auch hier in Odjursland." "Nicht grundsätzlich", antwortete Seraphia. "Der, den ich gesehen habe, wurde nachher auch von einem Yedi-Ritter befreit." Hythorus unterbrach ungeduldig. "Können wir hier mal weitermachen? Ich schlage vor, Lari und ich gehen da rein und nehmen Seraphia als Gefangene mit. Die anderen versuchen dann über die Mauer zu klettern."
Der Plan war zwar nicht genial, aber was besseres hatten die anderen auch nicht vorzuschlagen. Daher holte Lari ein wenig Verbandsmaterial heraus und versuchte Seraphia zu fesseln. Aber das missglückte ihr. Die anderen Helden glaubten es besser machen zu können und versuchten es ebenfalls. Doch einer nach dem anderen scheiterte. Als letztes war Hythorus dran. Und, welch ein Wunder, er vollbrachte, woran alle anderen gescheitert waren.
Lari, Hythorus und Seraphia gingen also zum Tor und dort hinein. Drinnen war es merklich kühler als draußen. Als die Wachen das Trio bemerkten, griffen sie nach ihren Waffen. Einer sprach sie an und fragte, was sie wollten. Lari traute sich nicht, zu antworten, also ergriff Hythorus das Wort: "Wir sind gesegnete und erbitten Einlass. Man hat uns erzählt, dass hier der Tempel sei und wir hier Kleriker fänden, die uns ein Siegel geben könnten. Wir haben auch eine Gefangene dabei." Die Wachen ließen die Wachen wieder sinken und Hythorus, Lari und ihre "Gefangene" Seraphia konnten weitergehen.
Wie Lari bereits von oben gesehen hatte, war der Bereich innerhalb der Mauern grau und unschön. Die Wiese, die da mal gewesen war, war längst verdörrt. Der Weg vom Tor führte direkt zum Tempel hin. Über eine Freitreppe gelangte man zu einer bronzebeschlagenen Holztür. Rechts davon hing ein bronzener Kessel, links vier Bronzeketten. Das Holz war mit Runen versehen, die aber schon alt und verblichen waren.
In der Zwischenzeit überkletterten die anderen die Mauer. Selbst Mitrias traute sich ohne lange rumzumurren. Per kletterte voraus und half dann den anderen mit einem Seil. Auf der anderen Seite kletterten sie wieder hinunter. Als letztes Sven. Doch der rutschte mit den Füßen ab und konnte sich nicht mehr halten. Sven fiel. Die anderen hielten erschrocken den Atem an. Doch Sven ist ja bekanntlich ein Glückspilz. Ein Gebüsch federte den Sturz ab und Sven blieb unverletzt.
Vorsichtig gingen die vier weiter. Nach ein paar Metern sahen sie zwei Wachleute, die ihnen glücklicherweise die Rücken zudrehten. Von diesen ging eine unheimliche Kälte aus. Per schlug vor, dass Mitrias und Sven diese angreifen sollten. Immerhin hatten sie magische Waffen dabei. Die beiden nickten, zogen vorsichtig ihre Waffen und schlichen leise auf die Wachen zu. Als sie nahe genug heran gekommen waren, schlugen sie zu. Sven gelang ein fantastischer Schlag durch den Rücken in den Bauch seines Opfers, das sofort zusammenbrach. Mitrias griff derweil mit seinem Dolch an, doch damit konnte er nicht einmal die Rüstung des Gegners treffen. Der Wachmann drehte sich um. Doch da schoss Per auch schon mit seiner Armbrust auf den Kopf des Mannes, was seinen sofortigen Tod zur Folge hatte.
Mühsam zog Sven sein Schwert aus dem von ihm getöteten wieder heraus und erschrak: Wo das Schwert seinen Gegner berührt hatte, war es nun durchsichtig und unbrauchbar. Sein gutes, magisches Schwert! Tragisch!
Lari, Hythorus und Seraphia hatten sich vorsichtig nach den anderen umgesehen. Da die Wachleute nicht groß auf sie achteten, gingen sie um den Tempel herum. Sie trafen auf die anderen, als Sven gerade sein Schwert untersuchte. Lari sah sein trauriges Gesicht und schlug ihm vor, so lange eine der Waffen der Wachleute zu benutzen. Missmutig nickte Sven und untersuchte gemeinsam mit Lari die Toten. Der eine trug ein bläulich schimmerndes Langschwert mit sich, was Sven an sich nahm. Es war erstaunlich leicht, doch aus welchem Material es bestand, wussten unsere ungebildeten Helden nicht zu sagen. Der andere trug eine doppelschneidige Axt mit sich, die ebenfalls Sven an sich nahm. Lari fand einen Lederbeutel mit einem taubeneigroßen Rubin und steckte ihn ein. Außerdem fand sie eine silberne Flöte, die Per haben wollte. Schließlich versteckten sie die Leichen notdürftig unter einem Gebüsch an der Mauer.
Nun mussten sie nur noch die eigentliche Tempelmauer überwinden. Die war etwas vier Meter hoch, war aber sehr glatt und gepflegt. Raufklettern würde auf jedem Fall schwierig werden. Lari schlug vor, sie könnte die anderen ja noch einmal rüberfliegen. Doch Hythorus warf ein. "Die wissen doch schon, dass wir drei hier sind. Wir kommen doch bestimmt auch durch die Tür." Lari antwortete: "Stimmt, aber die anderen vermutlich nicht. Daher schlage ich vor, du gehst mit Seraphia durch die Tür und gibst mir dann mit Hilfe von Magie Bescheid, ob wir drüber fliegen können."
Laris Vorschlag wurde angenommen. Hythorus und Seraphia gingen zur Tür. Dort betrachtete Hythorus hochkonzentriert die Runen. Hythorus meinte, es handele sich um Beschwörungsformeln. Nur Gesegnete dürften in den Tempel, sonst würden schlimme Dinge passieren. Verunsichert blickte er seine "Gefangene" an, die ja auch nicht gesegnet war. Doch schließlich überwandt er sich und versuchte die Tür zu öffnen. Die war verschlossen. Er zog an einer der bronzenen Ketten und die Tür öffnete.
Per magischem Gespräch sandte Hythe Lari ein Wort: "Bescheid". Dann überschritt er mit Seraphia die Türschwelle. Drinnen kamen sie zunächst in einen kleinen leeren Raum. An der gegenüberliegenden Seite war ein Tor zum nächsten Raum. Dort standen Säulen aus einem flimmernden Material. Je weiter die beiden gingen, desto dreckiger wurde die Umgebung.
In der Zwischenzeit stieg Lari auf ihren Besen, lies Per dazukommen und überflog die Mauer. Gerade wollte sie ihn auf der anderen Seite absetzen, als merkwürdige Gestalten auf sie zukamen..