Geschichten Orotas

Der Ritterorden des Kristalls von Chavitall

An den Marken zwischen Bawul, das den östlichsten Ausläufer des Reiches Sibatan darstellt, und den Steppen von Roz-Kosch und Po Sucha erheben sich seit zwei Generationen eine Reihe von Grenzfesten des größten Ritterordens von Sibatan, die das Reich der Könige von Sabedoria vor den Völkern des Ostens schützen sollen.
Eines dieser alten Kastelle wurde zu einem steingewordenen Symbol organisierter militärischer Macht sondergleichen ausgebaut, zum Sitz der Großmeister des Lichtordens von Sibatan: die Großmeisterburg Exagall.

Diese dreifach befestigte Burganlage stellt seither das Zentrum der Macht dieses größten der noch existierenden Ritterorden dar und wird mit der ähnlich beeindruckenden Festung von Ascolab verglichen.
Die äußere Wehranlage bildet eine verhältnismäßig niedrige Wehrmauer, die aber jeder Stadt als Befestigung Ehre gemacht hätte. Erst dahinter erhebt sich die eigentliche Burg, deren mittlere Mauer gut doppelt so hoch ist wie die erste. Dieser Bereich wird in den unteren Stockwerken von riesigen Hallengängen und Kasematten durchzogen, in denen die großen Vorratskammern und der größte Teil der Unterkünfte für die Burgbesatzung untergebracht sind. Im Bedarfsfall kann die Burg nahezu zweitausend (!) Menschen aufnehmen und sich im Fall einer möglichen Belagerung monatelang selbst versorgen.
Dieser Bereich der riesigen Anlage bildet das Fundament für die sich anschließend noch erhebende Großmeisterburg. Es handelt sich hier um den innersten Kreis der Festung, der neben den umfangreichen Waffenkammern auch die Verwaltung des Ordens, das große Ritterhaus, das „Haus“ des amtierenden Großmeister sowie die Versammlungshalle der Komturen der verschiedenen Niederlassungen des Ordens (in anderen Städten, Burgen, an Höfen usw.) und das Gästehaus in sich barg.

Der Orden selbst wurde nach einer Phase des religiösen „Enthusiasmus“ gegründet und systematisch von den Priestern des Lichtgottes Lumenall aufgebaut sowie dem damaligen sibatanischen Herrschers Odoraker gefördert. Bald genügte ihnen nicht mehr der Schutz der Tempel und des Kristalls ihres Gottes, und der König sowie die Priester fanden weitere Aufgaben für die Ordensritter. Ihre Absicht war es, das Reich an seinen östlichen Grenzen durch eine ständig verfügbare Truppe von schwer bewaffneten Rittern zu sichern. Außerdem hatte der König den Hintergedanken, neben der königlichen Leibwache und den Truppen seiner Hausmacht als Lehnsherr eine weitere große Heerschar zu seiner Verfügung zu haben, um seine mitunter recht widerspenstigen Vasallen und Stadtbürger im Zaume zu halten.

Mit Erfolg besetzten die Ordensritter und Waffenbrüder (die nicht dem Ritterstand angehörten) die östlichen Teile des Gebirges Tschar und hielten die dort herrschenden Zwerge ruhig.
Zunächst schien der Plan Odorakers auch aufzugehen, doch je mehr Aufgaben der Orden bekam und je wohlhabender er unter seinen Großmeistern wurde, desto mehr wurde er „zum Staat im Staate“. Die schiere Größe des Ordens hatte derart zugenommen, dass er nach dem König die stärkste militärische Macht von Sibatan zu seiner Verfügung hatte. Die zahlreichen Handelskonzessionen und Ländereien, die er bei seiner Gründung erhielt, um finanziell unabhängig zu sein, vermehrten seinen Besitz, so dass die Großmeister damit begannen, eigene Handelkontore und Zollburgen zu bauen – und das beileibe nicht nur an der Grenze. Zwar erfüllten die Kristallritter, wie man sie in der Bevölkerung auch nannte, weiterhin ihre Pflichten gegenüber Tempel und König. Doch jedem, der nur etwas Auffassungsgabe besaß, konnte nicht entgehen, dass der Großmeister nach dem Herrscher selbst der zweitmächtigste Ritter des Reiches geworden war. Also entschloss sich der König dazu, die Angehörigen des Ordens und ihre Machenschaften genauer unter die Lupe zu nehmen. Großmeister Riothamus schaute sich deshalb nach einem Gebiet um, wo der Orden sich ausbreiten konnte, ohne dass ihm seine inzwischen zahlreichen Gegner in die Quere kamen.

Da das Gebirge von Tschar recht unzugänglich und wenig attraktiv war, nutzte er die Beutezüge einiger räuberischer Steppenbanden aus Po Sucha auf einige Handelskarawanen dazu, sich in der Grenzprovinz Bawul festzusetzen. Sie übernahmen die halb verfallenen Grenzfestungen, bauten sie wieder auf und erweiterten sie.
Als nächstes sicherte er die kleineren Städte und Dörfer mit Burgen und stationierte überall die Truppen seines Ordens. Bald beherrschten die Ordensritter das gesamte Gebiet von Bawul und besetzten weitere Grenzstreifen. Von den Städten Isento am Fluss Rombel im Westen und Sch’Roda im Norden am See von W’Torek sowie Nawa und die nordwestliche Steppe von Roz-Kosch bis zu den Ausläufern der Berge von Tschar haben heute allein die Ordensritter das Sagen.
Die Bewohner der Städte von Roz-Kosch und Po Sucha hatten der Ausbreitung des Ordens mehr oder weniger gelassen zugesehen, denn er vernichtete die größeren nomadischen Räuberbanden, die eine Geißel aller Händler und ehrlicher Kaufleute gewesen waren.

Doch nun erhebt der Orden selbst Steuern von den langen Kolonnen der Händler, die zwischen L’Feüd und Seloc ihre Geschäfte treiben wollen.
Der Orden ist inzwischen derart mächtig geworden, dass niemand es wagt, ihm die Stirn zu bieten: Weder der König von Sibatan, der die Loyalität der Großmeister zu seiner Krone nicht missen will, noch die Städte der östlichen Steppenländer, die sich zum einen untereinander nicht grün und deren Fürsten zum anderen nicht geneigt sind, sich mit dem militärisch schlagkräftigen Ordensheer anzulegen.
Der Orden selbst ist in Komturen eingeteilt, die jeweils von einem Komtur geleitet werden, der sich vor dem von der Versammlung der Komturen auf Lebenszeit gewählten Großmeister rechtfertigen muss. Neben den aufgenommenen Rittern, die ihre Person ganz in den Dienst des Ordens stellen und neben ihrem Ritter auch einen Ordens-Eid leisten müssen, gibt es noch die Waffenbrüder. Bei diesen handelt es sich um ausgebildete Kriegsknechte, die nicht dem Ritterstand angehören und das Fußvolk sowie die leichte Reiterei bilden.

Außerdem verfügt der Orden über eine große Zahl von Verwaltungsschreibern, welche die Finanzen führen und die Verwaltung aufrecht erhalten.
In letzter Zeit werden (gezielt?) Gerüchte gestreut, dass der jetzige Großmeister zur „Heidenfahrt“ aufrufen will, d.h. alle jungen und tatendurstigen Ritter, die gemeinsam mit dem Orden marschieren wollen, werden aufgerufen, sich an der Unterwerfung der im Osten des Ordenslandes lebenden Heiden zu beteiligen. Ob das nun den wirklichen Absichten der Ordensführung entspricht (womit sie dem Größenwahn ein Stück näher gekommen wäre) oder die Gegner der Ordensritter diese in Misskredit bei ihrem König und ihren Nachbarn bringen wollen, das wagt der Chronist nicht eindeutig zu beantworten.

http://www.larisweb.de

Textquelle: Uuurs-Regelwerk "Der Drachensturm" (siehe Linkliste)
Autor: Dirk Sitte
nach oben
[ Home ] [ Regelwerk ] [ Karten Orotas ] [ Gruppen ] [ Bibliothek ] [ Hilfsmittel ] [ Rezepte ] [ Impressum ]
Kostenloser Counter Statistik