
Die Vingari gehören zu den intelligenzbegabten Mischwesen auf Orota, die sich allerdings durch die Besonderheit kennzeichnen, dass sie tagsüber wie normale Menschen erscheinen, während sie in der Nacht ihre Erscheinung völlig verändern.
In der Zeit des Überganges vom Tag zur Nacht, also mit dem Sonnenuntergang, verwandeln sich die Vingari in geflügelte Wesen. Sie werden eine halbe Minute lang von einem unbändigen Schmerz befallen, der für gesunde Vingari ohne weiteres zu ertragen ist.
Ältere und kranke Vingari allerdings verwandeln sich nicht mehr jede
Nacht oder nur für eine kurze Zeit, da ihr Körper seine Kräfte
anders einsetzen muss.
Im Zuge der Verwandlung wachsen dem Vingari riesige, fledermausartige Flügel
auf dem Rücken, seine Statur wird ungemein kräftiger, ihre Hände
wandeln sich zu Klauen, ihnen wächst ein echsenartiger, aber schuppenloser
Schwanz und ihre Haut nimmt eine graublaue Färbung an.
Ihre Ausdauer, Gewandtheit, ihre Kraft und Reaktion hat sich durch die Transformation
ihres Körpers deutlich verbessert, sie können nicht nur gleiten,
sondern tatsächlich fliegen. Da sie sich aber zugleich mehr auf ihre
Instinkte und ihre Statur verlassen, leiden zwangsläufig die Merkmale,
die sie tagsüber als Menschen kennzeichnen: Klugheit, Konzentration
und ähnliche Eigenschaften treten für die Vingari in der Nacht
zurück.
Das beeinträchtigt jedoch auf keinen Fall die Erinnerung der Vingari,
sie sind in ihrem Inneren weiterhin dasselbe Wesen wie am Tage, unterscheiden
nach wie vor genauso Freund und Feind voneinander.
Die Verwandlung ist keine Abnormität unter den Vingari, sondern ein
Teil ihres Wesens, das sie aber in den Augen anderer Völker immer suspekt
oder gar unheimlich erschienen ließ. Das war auch einer der Gründe,
warum die Vingari von den Angehörigen anderer Völker verfolgt
wurden. Daher misstrauen die Vingari zunächst jedem Fremden und man
muss sich ihr Vertrauen erwerben. Dennoch blieben die Vingari ein an sich
freundliches und hilfsbereites Volk, das sich aber weitgehend in die Höhenzüge
der Vinge zurückgezogen hat. Das hängt vor allem auch mit der
steigenden Macht des Schwarzen Paladins in den Osthängen der Vinge
und der angrenzenden Orksteppe Tyth Morr zusammen.
Die Vingari gehören zu den ältesten Völkern auf L’Feüd
überhaupt, denn sie haben sich schon gegen die alten Lemuryer verteidigen
müssen, die diese sonderbaren Wesen in ihre Dienste zwingen wollten.
Damals lebten sie noch vornehmlich in den tiefen, kilometerlangen Höhlen
der Vinge und den angrenzenden Gebieten. Das heutige Kullig, Obebodd und
die Vinge selbst blieben weitgehend auch ihr einziges Verbreitungsgebiet.
In jener Zeit allerdings gelang es den lemuryschen Jägern tatsächlich,
einige wenige Vingarifamilien zu fangen und in andere Gegenden ihres riesigen
Imperiums zu verschleppen. Vingari, die den Fängen ihrer Feinde entkommen
konnten, haben sich in angrenzende Gebirge, wie zum Beispiel den Aska und
den Vidunder-Berga, geflüchtet, andere versuchten, die alte Heimat
zu erreichen. Nur wenigen dürfte das gelungen sein.
So kam es, dass Jahrtausende später einige Vingari aus Furcht vor den
unerbittlichen Lemuryern ein Treueverhältnis zu lokalen menschlichen
Herrscherdynastien schlossen. Sie übernahmen den nächtlichen Schutz
der betreffenden Familie, dafür hielt der Adelige seine schützende
Hand über die verbündeten Vingari. Manche dieser Zweckbündnisse
haben bis heute gehalten, andere fielen auseinander – meist aber ging
der Vertrauensbruch von den Menschen aus!
Das Hauptvolk der Vingari übernahm einige der im Laufe der Jahrtausende
verlassenen Höhensiedlungen der Lemuryer und entwickelte sich zu einem
zivilisierten Volk, das diese Städte als die eigenen betrachtete. Manche
davon lagen in der angrenzenden Orksteppe Tyth Morr, doch die ständigen
Angriffe der Orks und die dauernd dort herrschende schwarze Magie vertrieb
die Vingari in ihr eigentliches Hoheitsgebiet, die Vinge, nach der sie sich
auch benannt haben (Vingari: die in der Vinge leben). Dort ist Vingyrarh
ihr Zentrum, eine beeindruckende Stadt, die wie ein gigantischer Adlerhorst
an der Felswand des zweithöchsten Berges der Vinge, des Rowathass,
gebaut wurde (damals noch als Überwachungsfort von den Lemuryer in
ihren Flugbooten).
Obwohl es keinem Volk richtig bewusst ist, haben sie aufgrund der (wenngleich
meistens negativen Kontakte in uralten Zeiten) nicht nur die Bezeichnung
Vinge von den geflügelten Wesen übernommen, sondern so manche
von Räubern bedrohte Händler auf der alten Passstraße der
Vinge und eine Vielzahl von Bergbewohnern haben ihr Leben der Hilfe der
Vingari zu verdanken. Da seit Generationen aber niemand mehr einen verwandelten
Vingari am helllichten Tag gesehen hat (wie denn auch), sind sich viele
Menschen (und andere) der Anwesenheit der Vingari selbst in ihren Städten
(was selten genug ist) nicht bewusst, da sie sie für eine Legende halten.
Den Erzählungen verirrter Menschen über Flügelwesen und dergleichen
mag man lediglich einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen (bei
ein oder zwei Krügen Wein).
An dieser Stelle wird die größte vingarische Gesellschaft, nämlich
diejenige des zentralen Horstes Vingyrarh beschrieben. Dennoch lassen sich
grundsätzliche Strukturen auch auf viele der kleineren Horste in der
Vinge und den dichten Wäldern am Fuße der Vinge in Obebodd und
Kullig übertragen.
Der Vingari mit der höchsten Position im Horst ist die sogenannte Babushka,
eine weibliche Vingari, die als einzige in der Lage ist, befruchtete Eier
zu legen (in ihrer geflügelten Vingariform Vinatha). Alle anderen weiblichen
Vingari können nur unbefruchtete Eier legen (in ihrer menschenähnlichen
Vingariform Vingram sind sowohl männliche als auch weibliche Vingari
zeugungsunfähig).
Zur Zeit der Hitze, wenn die Babushka bereit ist, neue Eier auszutragen,
fliegt sie mitten in der Nacht, wenn der hellste Mond Ligor voll ist, fort
von ihrem Horst. Da sie größer und schneller ist als alle männlichen
Vingari fliegt sie rasch einen großen Vorsprung heraus. Derjenige
männliche Vingari, der sie einholt (oder besser: von dem sie sich einholen
lässt…) begattet sie in einem einzigartigen Lufttanz. Dieser
zumeist starke, intelligente und gutaussehende männliche Vingari wird
zum Vingares, zum Anführer und Verteidiger (zu vergleichen mit einem
Kriegsherren) des Horstes.
Nach einer Tragzeit von sieben Monaten legt die Babushka ihr ersten Ei,
gefolgt von monatlich einem weiteren Ei, bis sie insgesamt zwischen 10 und
15 Eiern gelegt hat. Aus den Eiern schlüpfen nach zwei Monaten Brutzeit
(meist werden die Eier in warme Räume auf warmen Sand zum Brüten
gelegt) jeweils ein junger Vingari. Aus der ersten Hälfte der Eier
schlüpfen in der Regel männliche, aus der zweiten Hälfte
weibliche Vingari. Jedes Vingari-Baby wird von einem erwachsenen Vingari
beim Schlüpfen unterstützt, wodurch sich eine Mutter/Vater-Kind-ähnliche
Beziehung einstellt. Der Elternteil sorgt für den jungen Vingari, bis
dieser mit etwa 14 Jahren selbständig ist.
Spürt die Babushka ihr Ende nahen, so bricht sie zum letzten Mal auf,
um sich begatten zu lassen. Nach sieben Monaten legt sie nur ein einziges
Ei, dessen Schale eine charakteristische tiefblaue Farbe hat. Aus diesem
Ei schlüpft nach zwei Monaten die neue Babushka, die von den Bewohnern
des Horstes gemeinschaftlich empfangen und großgezogen wird, wobei
sie in den letzten Jahren ihrer Kindheit auf ihre Rolle als Babushka vorbereitet
wird.
Die Babushka-lose Zeit bedeutet für einen Horst eine Zeit der Ruhe
und der inneren Einkehr, da in dieser Zeit keine Paarungsflüge und
somit Rangeleien zwischen dem männlichen Vingari überflüssig
sind.
Immer wieder kommt es vor, dass eine besonders gesunde Babushka nach einer
Begattung durch einen besonders kräftigen und gesunden Vingari außer
der Reihe ein tiefblaues Ei legt. In einem solchen Fall übernehmen
ausgewählte Vingari die Erziehung der jungen Babushka, um mit ihr,
wenn sie geschlechtsreif ist, einen neuen Horst zu gründen.
Bei solch einer komplizierten Art der Fortpflanzung kommt es innerhalb eines
Horstes nicht zu eheähnlichen Verbindungen, dennoch leben viele Pärchen
zusammen, wobei ein Wechseln des Partners problemlos möglich ist.
Die Vingari verehren Elementargottheiten wie die Sonne, die Luft oder das
Feuer und besitzen in jedem größeren Horst auch Tempel der entsprechenden
Gottheiten.
Vingari hassen nichts mehr als das Eingesperrtsein, sei es körperlich
oder geistig. Regeln müssen ihnen einsichtig sein, ansonsten verweigern
sie sich ihnen. Auch müssen ihnen Gründe, warum andere Rassen
oder Wesen gegen ihren Willen eingesperrt sind oder Dinge gegen ihren Willen
tun müssen, einleuchten. Sind diese Gründe nicht ausreichend,
setzen sie alles daran, ein solches versklavtes Wesen zu befreien.
Da die meisten Vingari in ihren heimatlichen Horsten leben, wo so etwas
nur äußerst selten vorkommt, gilt ihr streben danach, in ihrem
Beruf erfolgreich zu sein und Reichtum anzuhäufen, um glücklich
und zufrieden leben zu können.